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Wumpus-Gollum-Forum von "Welt der Radios".
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Kuriosum aus Frankreich: Hellglüher mit 60mA Heizung - die RADIO MICRO
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19.05.22 11:12
WalterBar 

WGF-Premiumnutzer

19.05.22 11:12
WalterBar 

WGF-Premiumnutzer

Kuriosum aus Frankreich: Hellglüher mit 60mA Heizung - die RADIO MICRO

Hallo zusammen,

mit der "Radio Micro" machte ich vor 7 Jahren Bekanntschaft, als mich ein Franzose schweizer
Herkunft um Unterstützung bat, die hohe Ausfallrate seiner (mehr als 100) Röhren zu erklären,
die NOS in Originalverpackung ungebraucht vorrätig waren.

Die Röhre wurde zwischen 1924 und 1928 in mehreren belgischen und französischen Radios einge-
setzt, war aber wohl auch bei Bastlern wegen ihres moderaten Preises beliebt. Die Röhre fällt
insbesondere deswegen auf, weil sie offenkundig ein Hellglüher ist, obwohl der Heizstrom von
nur 60 mA (bei nur 3-3,5 Volt) das nicht vermuten lässt. Der Heizfaden ist ein sehr dünner thorierter
Wolframdraht, angeblich ohne weitere Oberflächenbehandlung. Die Heizfadenglasdurchführung
wurde schon mit sog. Dumetdraht anstelle Platin hergestellt. Die Röhre war gegettert, um
das Vakuum nach dem Abpumpvorgang zu verbessern.





Interessanterweise sollte trotz des kleinen Heizstroms immer noch ein Heizungs-Serienwiderstand
verwendet werden, der auch ein Festwiderstand sein durfte. Der Hersteller Radiotechnique aus
Paris wurde 1919 gegründet und ging 1931 in den Philips Konzern über.

Bei der Überprüfung der Röhren (20% hatten volle Emission, der Rest KEINE!) gelang es nicht,
Thorium aus dem Heizfaden durch Erhöhung der Heizleistung zu erbrüten. Weiterhin war die
Aktivierung des Restgetters durch ein HF-Feld nicht erfolgreich. Bei einer Verdoppelung der
Heizleistung zeigte sich ein schwacher Anodenstrom von wenigen Microampere.
Die intakten Röhren streuten nur wenig, sodass ich eine Funke-W19-Karte erstellt habe,
mit der in Frankreich weiter gearbeitet werden konnte.



Als ich dann in den letzten Monaten auf die Vakuumprüfungsmöglichkeit nach Telefunken stiess,
fielen hohe Werte bei einer der drei defekten Röhren auf, die ich behalten durfte. Schliess-
lich implodierte die Röhre nach einer Stossionisation, sodass ich sie geöffnet habe. Es
zeigte sich ein Getter-Niederschlag am Quetschfuss, der zu einem Kurzschluss und dadurch
zu einer Fehlfunktion führte. Da ich nicht glauben kann, dass es damals keine Endkontrolle
gab, wird sich der unerwünschte Niederschlag erst im Laufe der Zeit abgesetzt haben. Ich
mass 500 Ohm im Quetschfuss und 1 Ohm im Bereich der Glaskuppel.





Letzte Woche habe ich zwei funktionierende Exemplare im 2-Step-Amplifier 215 getestet:
Die Röhren erzeugten die gleiche Lautstärke wie zwei UV-201 mit zehnfachem Heizstrom.



Gruss
Walter

Zuletzt bearbeitet am 19.05.22 11:49

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Radio_Micro.jpg Radio_Micro.jpg (12x)

Mime-Type: image/jpeg, 406 kB

Radio_Micro_W19.jpg Radio_Micro_W19.jpg (12x)

Mime-Type: image/jpeg, 234 kB

Radio_Micro_System_3.jpg Radio_Micro_System_3.jpg (11x)

Mime-Type: image/jpeg, 203 kB

Radio_Micro_Box.jpg Radio_Micro_Box.jpg (12x)

Mime-Type: image/jpeg, 535 kB

Radio_Micro_2step_amp.jpg Radio_Micro_2step_amp.jpg (13x)

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Radio_Micro_Seite.jpg Radio_Micro_Seite.jpg (13x)

Mime-Type: image/jpeg, 128 kB

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20.05.22 11:23
basteljero 

WGF-Premiumnutzer

20.05.22 11:23
basteljero 

WGF-Premiumnutzer

Re: Kuriosum aus Frankreich: Hellglüher mit 60mA Heizung - die RADIO MICRO

Moin Walter,

Vielleicht sollte man die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die augenscheinlich "Vakuumdichte" Röhre
dass auf molekularer Ebene in Wirklichkeit über sehr lange Zeiträume gesehen gar nicht ist?

Ich habe mir eben nochmal den Beitrag von Norbert in Bezug auf die Spiralgitter-Röhre EVN 171 durchgelesen:
(https://www.wumpus-gollum-forum.de/forum...=313&page=3)

Zitieren:
Eine andere Möglichkeit ist ein Test mit Helium. Der Nachteil jedoch ist, dass das Testobjekt
danach nicht mehr verwendet werden kann, da das Helium auf jeden Fall in die Röhre eindringen wird.

Ein Röhrenhändler sagte mir mal, dass das Problem bei der Langzeitlagerung von Röhren nicht das Eindringen
von Sauerstoff, sondern von Wasserstoff sei, wegen des kleineren Durchmessers der Moleküle.
Hier sind sie aufgelistet.
https://www.wikiwand.com/de/Atomradius
He hat einen Atomdurchmesser von nur 28pm.

Wenn ich richtig gelesen habe, stehen noch 2 Röhren "ohne Emission" zur Verfügung.
Wenn nun überhaupt kein Elektronenstrom bei geheizter Röhre zu messen ist und auch keine Leuchterscheinungen
in einem starken HF-Feld auftreten:

Wäre es vielleicht eine Idee zu versuchen, mittels Hochspannung (400V-600V) und hochohmigem Schutzwiderstand
eine Glimmentladung herbeizuführen um eventuelle Vakuum-Verringerung zerstörungsfrei nachzuweisen?

Denn 80% Ausfallrate sind enorm.

Gruß
Jens

20.05.22 13:13
WalterBar 

WGF-Premiumnutzer

20.05.22 13:13
WalterBar 

WGF-Premiumnutzer

Re: Kuriosum aus Frankreich: Hellglüher mit 60mA Heizung - die RADIO MICRO

basteljero:

Wäre es vielleicht eine Idee zu versuchen, mittels Hochspannung (400V-600V) und hochohmigem Schutzwiderstand
eine Glimmentladung herbeizuführen um eventuelle Vakuum-Verringerung zerstörungsfrei nachzuweisen?


Hallo Jens,

das war sogar einer der ersten Versuche. Er beweist aber rein gar nichts. Ein verdorbenes Vakuum war als Ursache ohnehin klar. Ob nun die Elektroden, vornehmlich die Anode Wasserstoff ausgasen oder der unwahrscheinlichere Fall des Eintritts über die Quetschfassung vorhanden ist, macht keinen Unterschied. Im zweiten Fall müssten schliesslich dann ja alle Röhren schwächeln, was nicht der Fall ist. Ich habe eine Information vorenthalten: Die nicht funktionsfähigen Röhren waren auch schon vor 50 Jahren tot. Die Glimmentladung habe ich bei einer seitlich nicht getter-bedeckten Röhren einmal festgehalten. Die Röhre zündete bei 400 Volt und erlosch bei 350 Volt. Eine Glimmentladung trat nur bei einer Röhre auf.



Du kennst die Ausführungen von Rukop, das Problem war das beherrschende Thema bei der Röhrenherstellung.

Ich habe auch (erfolglos) den Versuch gemacht, die vagabundierenden Atome durch tagelanges Heizen ohne Anodenspannung zu binden. Das klappt wiederholt bei den russischen GU-74B. Wenn sie mehr als 5 Monate nicht benutzt werden, müssen sie mindestens 24 Stunden geheizt werden, ehe die Anodenspannung zugeschaltet wird, damit kein Elektrodenüberschlag entsteht. Bei den Endstufen ist immer eine Zeitschaltung im Spiel, die immer 2 Minuten wartet, bis die 3kV zugeschaltet werden. Diese Röhren stammen aber aus den 1970-er und der Effekt ist bekannt. Bei 807 sieht man das Blaulicht auch regelmässig, ohne dass aber die Funkion beeinträchtigt wäre, aber hier liegt die Anodenspannung auch unter 1kV.

https://www.wumpus-gollum-forum.de/forum...&thread=126

Der Produktionsgasdruck der Radio Micro ist nicht bekannt, wegen der übermässigen Getterung mit leitfähigem Material (!) kann er aber nicht hoch gewesen sein. Das Elektrodenschweissen unter Wasserstoffatmospäre war übrigens gängige Praxis. Zitat Rukop aus Telefunken-Zeitung Nr. 19 aus dem Februar 1920:

"Sie werden mit stets gleich bleibender Genauigkeit elektrisch unter Wasserstoffatmosphäre an ihre Halter geschweißt, so daß sie blitzblank aus diesem Prozeß herauskommen."

und weiter:

"Aber Kupfer ist ein hinterlistiges Material; es ist oft sehr schön; gibt ohne große Anstrengungen bestes Vakuum, oft ist es dagegen gar nicht gasfrei zu kriegen, es verdirbt noch obendrein die Fäden beim Evakuieren, und die Vakuumverschlechterung tritt allmählich ein. Herstellung und Vorbehandlung des Kupferbleches spielen da eine große Rolle. Als letzte Zuflucht bleibt der elektrische Vakuumofen zum Verglühen der Metallteile, den man sich jedoch bei sehr großen Fabrikationszahlen gern erspart, denn er macht unverhältnismäßig viel Arbeit."


Gruss
Walter

Nachtrag:

Anteile in der Luft: H2 = 0,000055%, He = 0,000524%
CO2, dem so viel Bedeutung beigemessen wird = 0,0407%
Wasserstoff ohne Doppelbindung 36ppb, Quelle Wikipedia

Zuletzt bearbeitet am 21.05.22 16:59

Datei-Anhänge
Radio_Micro_Glimmentladung_82k_Anode_Gitter_ab_350V.jpg Radio_Micro_Glimmentladung_82k_Anode_Gitter_ab_350V.jpg (17x)

Mime-Type: image/jpeg, 117 kB

20.05.22 20:42
basteljero 

WGF-Premiumnutzer

20.05.22 20:42
basteljero 

WGF-Premiumnutzer

Re: Kuriosum aus Frankreich: Hellglüher mit 60mA Heizung - die RADIO MICRO

Hallo Walter,
das leuchtet ja allerliebst !
So können die Röhren ja noch wunderbar als Deko dienen oder für spektroskopische Untersuchungen,
um welches Gas es sich handelt.
Blau könnte ja wirklich Helium sein. Absorbieren eigentlich Gettermaterialien auch Edelgase ?
Die sind ja sehr reaktionsträge, wenn ich mich recht erinnere.
Denn optisch sieht der Getterbelag im Glaskolben ja noch gut aus.
Nachtrag:
Das stellt sich Frage, ob die ersten Formen der Getterung in der Lage waren Gasreste im späteren
Betrieb zu binden.
Das kannt man ja von den späteren Röhren (z.B. AF7), bei denen der silbrig-glänzende Getter-Niederschlag
beim Evakuieren der Röhre in ein weißliches Pulver zerfällt.
War das bei der implodierten "Radio-Micro" auch der Fall ?

Die genannten Ausgaben der Telefunken-Zeitung sind wirklich lesenswert, ich hatte nach enttäuschender
Suche nach dem Stichwort "Röhre" in den "Kriegsnummern" aufgegeben...

Zitieren:
Bei sehr gut entgasten Metallteilen wird eine
Röhre sich nach kurzem Gebrauche selbst
nachevakuieren
Möglicherweise stammen die Röhren ja allesamt aus einer Partie, wo das Gegenteil der Fall war.

Gruß
Jens

Zuletzt bearbeitet am 21.05.22 08:01

21.05.22 09:17
WalterBar 

WGF-Premiumnutzer

21.05.22 09:17
WalterBar 

WGF-Premiumnutzer

Re: Kuriosum aus Frankreich: Hellglüher mit 60mA Heizung - die RADIO MICRO

Hallo Jens,

das helle Leuchten ist eher moderat. Die Aufnahme entstand im dunklen Kellerraum ohne Blitzlicht. Ich musste verschiedene Handys probieren. Man kann den Blitz zwar abstellen, aber wenn es zu dunkel ist, dann wird er wieder verwendet.

Gettermaterialien und Kathodenoxydbeschichtungen gab es viele. Weil ich nur chemische Grundkenntnisse übrig behalten habe und keine Reagenzien im Schrank, kann ich keine weiteren Angaben machen. Sollte ein WGFler besser aufgestellt sein, könnte ich die Röhrentrümmer zur Verfügung stellen. Bereits Mitte der 1930-er hat sich bei Telefunken das Barium mit mehreren Zusätzen durchgesetzt. Einige Getter halfen nicht nur bei der Bindung schädlicher Atome, sondern verbesserten als Niederschlag auf dem Heizfaden die Emission. Bei der Radio Micro, da bin ich mir sicher, trat genau das Gegenteil ein.

Gettermaterialien und Oxydsorten wären ein eigenes Thema wert, aber momentan habe ich dafür zu viel Wissenslücken. Im Alter wird man auch vergesslich. Der Getterbelag bei der Radio Micro wird nicht hell und er verändert sich auch nicht. Er haftet wie lackiert auf dem Glas.


Gruss
Walter

Das Regenerationsthema schweift mal wieder ab. Die Verfahren sind nicht auf die Radio Micro anwendbar.
Konstruktiv ist der Radio Micro Sockel aus mehreren Gründen kaum für eine Transistorerweiterung geeignet (Form, Befestigung, Länge der Drähte, Platz usw.).

Zuletzt bearbeitet am 22.05.22 19:29

21.05.22 11:35
basteljero 

WGF-Premiumnutzer

21.05.22 11:35
basteljero 

WGF-Premiumnutzer

Re: Kuriosum aus Frankreich: Hellglüher mit 60mA Heizung - die RADIO MICRO

Moin Walter,
Das konnte ich ebenfalls bei der Außenverspiegelung einer geöffneten CF7 beobachten.
Erst nach einigen Tagen begann die "Verspiegelung" zurückzuweichen und zunehmend
dunkler und durchsichtig zu werden.
Jetzt, nach 2 Jahren, bleiben fast nur schwarze Schlieren nach.
(vgl. h t t p s://www.radiomuseum.org/forum/innenspiegel_nicht_getter_bei_manchen_roehrentypen.html)
Zu den Gettermaterialien ist hier eine kurze Zusammanfassung zu finden:
h t t p://www.jogis-roehrenbude.de/Radiobasteln/Gettermaterialien.pdf

Das schreibe ich deshalb, weil ja schon einige "Regenerierungs-Versuche" bei den "Radio-Micra" durchgeführt
wurden und ich irgendwo mal gelesen habe, dass durch "Vorsichtiges Erwärmen des Glaskolbens" unter
Umständen eine Verbesserung des Vakuums eintreten kann.

Wobei ich eher kein Freund der Röhren-Regeneration bin und bei hier ja funktionsfähigem Heizfaden
2 Transistoren in den Sockel einlöten würde, um die Funktion der Röhre zu simulieren.

Nachtrag
Wie's so geht:
Eben gefunden in Funkschau 1946/Heft1: (Thema Regeneration/Auffrischung Röhren)

Zitieren:
Blauleuchtende Röhren, vorzugsweise Endröhren, haben Gas und vergiftete Kathoden und konnten
nach keinem Verfahren gerettet werden. Alle Versuche erwiesen sich bisher als zwecklos.

Gruß
Jens

Zuletzt bearbeitet am 21.05.22 12:23

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